Philosophisches

Philosophisches

Principia philosopiae aller Lebewesen
(Hommage an René Descartes)
Ein existierendes Wesen ist das menschliche Individuum,
es sagt: „Cogito ergo sum.“

„Auch ich“, sagt die Biene,
„bin ein existierendes Individuum:
Cogito ergo summ.“

„Horchet alle her“!
sagt der Bär:
„Cogito ergo brumm,
auch ich bin ein existierendes Individuum.“

Da kommt die Katze,
leckt ihre Tatze:
„Ich sprech zwar eine andere Sprache,
das tut aber nichts zur Sache.
Mein Fell ist schwarz, weiß, rot und grau:
Cogito ergo miau.“

„Dem schließe ich mich an“,
sagt der Hund alsdann.
„Im Unterschied zu der Katzen Miau,
heißt’s bei mir: Cogito ergo wauwau.“

„Auch ich bin ein existierendes Vieh.
Mit meinen Federn und dem Kamm
hab ich im Hühnerstall die Hosen an!“
schreit der Hahn: „Cogito ergo kikeriki.“

„Hallo, du Macho du, hallo!“
ruft die Henne voll feministischem Protest.
„Ich existiere ebenso, Du Macker:
Cogito ergo gacker!“

Auch die Schlange schlängelt sich heran
und kündigt ihre Existenz den andern an
und ruft dazwischen:
„Cogito ergo zisch ich!“

„Apropos ‚zisch‘ “, stößt der Fisch
Wasser kräftig durch die Kiemen,
„auch ich habe einen legitimen
Anspruch, Gehör zu finden:
„Cogito ergo blubber oder glucker!“

Und so kommt nun alles her, was kreucht und fleucht
am und unterm Boden, im Wasser, in der Luft
mit mehr oder weniger gutem Duft.
Ein jedes Wesen pocht auf seine Existenz trotz aller Differenz
und behauptet mit ohrenbetäubendem Geschrei,
dass es cogitat und ergo sei.

 

Aufklärung

(Hommage an Immanuel Kant)
Wo ist mein Verstand, dessen ich mich bedienen sollte,
wenn ich den Mut dazu hätte?

Wessen sollte ich mich bedienen,
wenn ich den Mut dazu hätte?

Wie sollte ich mich meines Verstandes bedienen,
wenn ich den Mut dazu hätte?

Woher soll ich meinen Mut nehmen,
mich meines Verstandes zu bedienen?

 

Entscheidungsfreudigkeit

Warum entscheiden wir uns denn zu dem,
was wir tun,
bevor wir‘s tun,
wo wir doch wissen,
dass wir’s im Nachhinein ja besser wissen?
Würd es nicht besser sein,
wir entschieden uns im Nachhinein?

Da fehlt noch der qualitative Sprung
(Eine Hommage an Georg Wilhelm Friedrich Hegel)
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.
Ein rotes Käppchen macht noch kein Rotkäppchen.
Ein Stich mit einer Spindel in den Daumen macht noch kein Dornröschen.
Ein Spieglein an der Wand macht noch keine böse Stiefmutter.
Ein Haselstrauch macht noch kein Aschenputtel.
Ein Bub und ein Rotz machen noch keinen Rotzbuben.
Ein Bruder und eine Schwester machen noch kein Brüderchen und Schwesterchen.
Ein Hänsel und eine Gretel machen noch kein Hänsel und Gretel.
Ein Dorn und ein Röschen machen noch kein Dornröschen.
Scham und eine Lippe machen noch keine Schamlippe.
Intelligenz und eine Bestie machen noch keine Intelligenzbestie.
Eine Hose und ein Türl machen noch kein Hosentürl.
Eine Bahn und Eisen machen noch keine Eisenbahn.
Eine Hose und ein Träger machen noch keinen Hosenträger.
Ein Hals und ein Schneider machen noch keinen Halsabschneider.
Ein Spaß und eine Kanone machen noch keine Spaßkanone.
Ein Bürger und ein Meister machen noch keinen Bürgermeister.
Eine Wiege und ein Lied machen noch kein Wiegenlied.

Allerdings, so sagte Georg Wilhelm Friedrich Hegel, gilt:
Ein Dialekt und eines Philosophen Tick machen noch keine Dialektik,
es braucht einen eleganten qualitativen Sprung.

 

Bestimmtes und Unbestimmtes

„Was suchst Du denn so verzweifelt?“
„Ich suche etwas Bestimmtes, aber ich hab vergessen was.“
Da spricht der Philosoph:
„So wird aus etwas Bestimmtem etwas Unbestimmtes.“

 

Falsifikation

(Hommage an Karl Popper)
Ein schwarzer Schwan und ein weißer Rabe
widerlegen gegenseitig die Wahrheit der Existenz des anderen.

 

Oh welch ein Glück!

(Hommage an eine im Rundfunk Interviewte)
Ich bin Christine.
Ich bin 36 Jahre alt.
Ich habe mich bereits mit 18 Jahren ganz bewusst
für das Glück entschieden.
Ich bin glücklich,
dass ich das getan habe.
Es war die richtige Entscheidung.
Ich bin davon überzeugt,
die Welt braucht Menschen wie mich,
sie können dann sagen:
Glück gehabt!

 

Das absolute Glück

(Das Neueste aus der KI-Forschung)
Was ein gutes Leben sei,
darob martern Philosophen seit Jahrtausenden ihr Gehirn.
Jetzt, 2350 Jahre nach dem Tod des Aristoteles,
ist die endgültige Antwort gefunden:
Du hast intelligente Kunstfingernägel,
Du kannst ihre Farbe via App beliebig verändern.
Immanuel Kant stimmt zu:
Eine solche App und solche Nägel
sind die Bedingung der Möglichkeit von Glück.
Klar ist dies auch für Hegel:
Alle Widersprüche, mögen sie noch so toben,
sind hier aufgehoben.