Sehnsucht schleicht in mich sich ein,
drängt mich, dorthin zurückzukehren,
wo einst ich aus dem Nichts entsprungen bin.
Doch hab ich keinen Ort mehr dort,
mich niederzulassen und still zu warten.
Mein Dort, das gibt’s nicht mehr.
Eingriffe in sein Angesicht
haben mir es fremd gemacht.
Maßlose Ausbreitung des immer Gleichen im Raum
schafft Öde.
Gegangen sind die einst vertrauten Menschen,
bloß Namen in Steine gemeißelt sind geblieben.
Das Damals ist zusammen mit dem Dort verschwunden.
Ich kann‘s auch nicht in meinem Körper finden.
Es ist nicht mehr, was damals war.
Nur Bilder blitzen auf, kurz,
wenn der Blick auf Reste der Vergangenheit stößt,
auf Bruchstücke, die geblieben sind:
die Fassade eines Hauses, ein Gartenzaun, die Mariensäule, eine Wiese beim Bach.
Da lasse ich mich nieder,
lege mich rücklings ins Gras
und schließe die Augen.
Die kurz aufblitzenden Bilder,
rufen neue Bilder hervor, die sich miteinander verbinden zu
Begegnungen, Erlebnissen, Annäherungen, Auseinandersetzungen, Schlägen.
Ein Ort entsteht aus dem Staub der Erinnerung,
ein Damals erwacht in einem flüchtigen, trügerischen Jetzt.
Die Asservaten der Erinnerung,
sie haben keinen Halt,
sie können keine Zukunft zeigen,
zeigen ins Leere, ins Nichts.
Sie deuten mir an,
in Bälde wird es soweit sein.
Wie sich verabschieden von dem,
das es nicht mehr gibt?
(Für Julius)
I
Unterm Hollerbusch wohnt der Tod,
unter den Hollerbusch zog es Dich hin,
Nacht für Nacht,
bei beiden Sicheln der Mondes
und vollem Mondgesicht.
Immer wieder bin ich zu Dir unter den Hollerbusch gekrochen
und habe Dich in meine Arme genommen
und habe Dich mitgenommen ins Haus,
um Dich dem Tod zu entreißen.
Doch Du nutztest jede günstige Gelegenheit,
unter den Hollerbusch zu flüchten,
unter dem der Tod wohnt.
Zu ihm zog es Dich hin.
Ich bin in den Hollerbusch gekrochen
und habe Dich in meine Arme genommen
und habe Dich schließlich doch dem Tod überlassen müssen.
In meinen Armen hat Dich der Tod geholt.
Seitdem zieht es mich selber hin zum Hollerbusch,
und unter ihn zu kriechen.
II
Der Winter hat die Welt entlaubt.
Der Hollerbusch ist nackt und zeigt sein Innres her,
doch nicht den Tod:
unsichtbar wohnt er in ihm.
Ich starre in den leeren Busch,
mit leerem Kopf.
Ich spür,
unter den Hollerbusch zieht es mich hin.
Ob ich so lang noch widerstehen kann,
bis ein dichtes grünes Kleid den Hollerbusch wieder bedeckt?
Wer wird mich fest dann in den Armen halten?
III
Du hast Dich fest an mich gedrückt,
hast Deinen Kopf an meinen Bauch gedrückt,
als wolltest Du Dich vor dem Sterben drücken,
Dich vor dem Tod verstecken,
als wolltest Du in mir verschwinden,
damit ich Dich beschütze
vor der tödlichen Spritze.
Dabei war es Dir klar, dass ich es war,
der sie Dir verabreichen ließ.
Wär es Dir lieber gewesen,
der Tod unterm Hollerbusch hätte Dich gequält,
Dein Inneres langsam zersetzend?
Beruhigt diese Frage mein Gewissen?
IV
Du warst ein leidenschaftlicher Jäger,
hast mit Leidenschaft gejagt,
hast viel Leid damit geschaffen
anderen Lebewesen.
Als Jäger warst Du geboren.
Wie anders hättest Du denn Deinen Hunger stillen können?
Du hast Dich schließlich selbst gejagt,
zu ihrer Beute haben sich Deine eigenen Organe gemacht
und haben sich selbst aufgefressen.
V
Nichts ist von Dir geblieben.
Ich bin geblieben mit der Erinnerung an Dich,
und meine Trauer ist geblieben.
Bald werden auch sie verschwunden
und wir zusammen sein
als zwei Nichtse im Nichts.
Deinesgleichen und wahrscheinlich auch Du,
des Öfteren habt Ihr mich verfolgt beim Joggen auf den Feldwegen
und habt gefaucht.
Was habt Ihr befürchtet?
Dachtet Ihr, ich würde eindringen in Euren Bau
und Euch Eure Körner wegfressen?
Dass ich kein Bussard, Fuchs oder Wiesel, keine Eule oder Katze bin,
werdet Ihr wohl gesehen haben.
Dachtet Ihr, ich sei ein Bauer aus alten Zeiten,
der Euch mit dem Prügel erschlagen möchte
wegen des Getreidevorrats, den Ihr auf seine Kosten anlegt?
Nein, Ihr wisst, dass es diese Bauern nimmer gibt.
Was wäre gewesen, wenn ich stehen geblieben wäre?
Hättet Ihr mich angesprungen?
Und dann?
Ihr Armen!
In den letzten Jahren haben wir Euch drastisch reduziert.
Nicht wir Jogger,
doch schon die Lebensweise, die auch die unsere ist,
die Landwirtschaft mit ihren Pestiziden,
der Umstellung auf Wintergetreide,
der Flurbereinigung,
dem Einsatz von Maschinenungetümen.
Eure Wehrhaftigkeit hat Euch nicht geholfen.
Warum erzähle ich Dir das,
der Du mich nicht hören kannst,
vor mir liegst auf dem Feldweg,
zerquetscht von einem Traktorreifen!
Verschwinden im Nichts,
auf ewig,
ein Abschied ohne Wohin,
Verschwinden kennt den Abschied nicht.
Kein Schauen, Hören, Riechen, Schmecken, Drücken mehr,
kein Streicheln, Schlagen, Händeschütteln,
kein Lieben, Hassen, Tolerieren,
kein Staunen, Weinen, Bangen, Fürchten, Glücklichsein,
kein Erwarten,
kein Vergessen,
kein Hoffen.
Trost: Nichts von dem wird uns fehlen.
Ich sehe eine weiße Hose –
ach ja, ich wache auf aus der Narkose!
Geschnipselt haben sie in meinem Bauch,
und jetzt, jetzt wach ich auf.
Schmerzen hab ich nicht,
es blendet nur das Licht.
Warum denn haben sie mich bloß geweckt,
ich war doch schon so gut wie weg?
Alles könnt ich hinter mir schon haben,
vorbei der Wahn, vorbei das Plagen,
kein Anspruch mehr,
dem Leben einen Sinn zu geben.
Ach, warum nur hat man mich denn nicht gelassen,
wo ich schon war?
Hinter mir könnt‘ es schon sein,
das Leben auf der Erden,
doch muss ich jetzt noch einmal sterben.
Mir fällt der Abschied gar so schwer,
dass ich am liebsten gar nicht hergekommen wär,
eingetreten wär in dieses Leben,
dann gäb‘ es jetzt kein Beben
und Zittern vor dem Sterben,
es gäbe keine Erben des vielen Zeugs,
das ich gerafft hab,
des Mistbergs, den ich geschaffen hab.
Ich habe dem Tod ins Aug geschaut,
doch er hat mich nicht gesehen,
da hab ich dem Schnitter die Sense geklaut,
um mich selber zu mähen,
obwohl, das war mir klar,
das Korn noch nicht reif war.
Er lief und lief und lief,
Jahr für Jahr,
Monat für Monat
Woche für Woche,
Tag für Tag,
stundenlang.
Er wollte dem Tod entwischen.
Der hatte sich von Anfang an an seine Fersen geheftet,
Jahr für Jahr,
Monat für Monat
Woche für Woche,
Tag für Tag,
stundenlang,
und hatte den längeren Atem.
So kam es, dass der Läufer
im Jenseits mit Laufschuhen ankam.
(Antwort auf Matthias Claudius)
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
die Angst,
steigt auf in mir wie Nebelschwaden.
Wenn‘s Abend wird und kalt der Abendhauch,
wacht auf in mir die Angst,
wacht auf aus ihrem Tagesschlummer,
nimmt nach und nach den Körper in Besitz:
Arme, Beine, Nacken, Hals und Muskelfasern,
verkrampft und hemmt sie.
Überzieht mit einer dünnen Schimmelschicht
Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse, Sonnengeflecht.
Kriecht durch den Magen hinein in Dünn- und Dickdarm,
dringt in Blutgefäße ein und schließt sie,
lässt Ohren dröhnen,
setzt das Gehirn mir unter Druck.
Der Tod, auch wenn er unsanft ist,
er mög aus dieser Welt mich nehmen,
mög mich erlösen!
Abhängigkeit blockierte mich, das Kind.
Ohnmacht verkrampfte mir Arme, Beine, Brust,
verstärkte mir den Druck in meinen Adern.
Gibt es ein Entkommen?
Wie die Abhängigkeit überwinden,
wie Macht über sich gewinnen,
wie sich behaupten?
Bleiben, sich unterordnen und werden wie sie?
Flucht!
Doch die blockierte Aggression hat mich begleitet,
hat sich gegen andere gewendet,
gegen Schwächere.
Und seit ich sie blockiere,
da wendet sie sich gegen mich,
die Aggression,
gegen mich selbst
und droht,
meinen Körper zu zerstören.
Gibt es ein Entkommen aus der Kindheit?
Eines ist mir klar:
Ich war
und bin nun bald gewesen
und bald am Urnenhain daheim.
I.
Gekommen aus dem Nichts,
zurückgekehrt dorthin.
Und dazwischen?
Für immer vergessen.
II.
Ich wünsche mir,
es wäre fein,
dass Ihr
auf meinen Grabstein
schreiben könntet:
„Das Lachen war ihm erst in dem Moment vergangen,
da er von uns gegangen war.“
Nachträglich muss ich leider gestehen,
so wie gewünscht, ist’s nicht geschehen.
Schreibt auch dies auf meinen Stein,
ehrlichkeitshalber muss das sein!
Geht’s der Eintragung zu ins Sterbebuch,
gewinnt der Kirchenbesuch an Beliebtheit.
Braucht man Gehstock und auch Krücken,
schmerzt auch fürchterlich der Rücken,
an der Kirche führt kein Weg vorbei,
wie steil und steinig er auch sei.
Ist‘s die Aussicht, dass im Paradiesen
ewig Milch und Honig fließen?
Ist‘s das ewige Singen von Lobeshymnen
und sich am zarten Harfenklange zu erbauen,
weswegen Kirchenglocken
in die Kirche locken?
Oder sind’s vielmehr die Höllenqualen,
mit denen sündiges Leben zu bezahlen ist?
Seit sein Apfel ist gepflückt,
spielt der Liebe Gott verrückt,
geriert sich äußerst paranoid:
überall sieht er nur Sünden.
Auch ohne Lüste im Garten
müssen wir Strafen erwarten:
In kochenden Ölfässern sitzen,
in giftig-heißen Dämpfen schwitzen,
in ewigem Feuer schmoren,
aufgehängt werden an beiden Ohren,
aufgespießt und gehäutet werden,
gevierteilt von wildgewordenen Pferden,
schließlich Wölfen vorgeworfen zum Fraß.
Und immer wieder von neuem all das
vor den Augen grinsender Pfaffen.
Das sind noch die mildesten Strafen!
Beten und Reue kommen zu spät,
nichts mehr geht,
rien ne va plus, alles auf ewig perdu.
Was also motiviert nun zum Kirchenbesuch,
wenn’s zur Eintragung ins Sterbebuch geht?
Ist es ein Treiben oder ist’s ein Locken?
Treibt die Erwartung der Hölle Qualen dazu,
in der Kirchenbank zu hocken,
oder locken Harfenklang und
und der ewige Gesang „Ehre sei Gott in der Höhe!“?
Ich meine, diese Frage ist nicht leicht zu entscheiden.
Welche der beiden Arten von Qual
ist die bessere Wahl?
Jeden Tag nach dem Mittagessen
wische ich mit Küchenrolle das Fett aus der Pfanne,
bevor ich sie auswasche und abspüle.
Streng ist darauf zu achten:
Fett nicht in die Kläranlage,
muss in die Verbrennungsanlage.
Dieses Verbot und dieses Gebot
hat Sieglinde in mir eingepflanzt.
Sieglinde ist nun seit einigen Jahren tot,
doch spür ich ihr Lob
jeden Tag nach dem Mittagessen,
wenn ich mit Küchenrolle das Fett aus der Pfanne wische,
bevor ich sie auswasche und spüle.
Mit Deiner Mahnung, Sieglinde,
bist Du mir Gegenwart, solange ich lebe.
I.
Ich schaue in den Spiegel.
Zwar achtzig, aber
ein stattlicher Mann,
aufrechte Haltung,
fester Blick,
graues, aber dichtes Haupthaar,
flacher Bauch,
kräftiger Penis,
muskulöse Beine.
Und das alles soll in Bälde verbrannt werden!
II.
Ich schaue meine Hände an,
meine Arme,
meine Brust,
meinen Bauch,
meinen Penis und die Hoden,
meine Beine,
meine Füße.
Ich gehe zum Spiegel,
ich sehe mein Gesicht,
meinen Kopf.
Und das alles soll demnächst
verbrannt werden?
Die Tag sind kurz,
vergehen schnell,
summieren sich zu Jahren.
Schon liegen wir
auf harten Bahren.
(Hommage an Johann Wolfgang Goethe)
Gestern ist er gestorben,
noch spürest du kaum einen Hauch.
Er muss nun schnell beseitigt werden,
er fängt bald an zu stinken.
Am offnen Grabe
werden wir ihm winken.
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
stinkest du auch.
Ja, das Leben
ist bereits gewesen.
Jetzt bin ich schon
ganz ordentlich
am Verwesen.
Interessant wär’s zu erleben,
wie sich der eigene Kadaver auflöst
und Mikroorganismen danach streben,
dass er verfault und verwest.
Leider werd ich’s nicht erleben,
werd ich doch dem Feuer übergeben.
„Memento mori!“,
ruft er und droht,
packt mich am Ohrli
und schreckt mich zu Tod.
Ich fürchte,
eines Tages werde ich nicht aufwachen
und nicht merken,
dass ich nicht mehr aufgewacht bin.
Wenn das Leben zu Ende geht,
wird zu Gott gefleht:
„Hab Erbarmen mit mir armen Sünder!
Hab’s ja nicht bös gemeint.“
Gott wird uns vergeben,
hast Du gemeint, Heinrich,
das sei ja schließlich sein Geschäft.
Und: Hat er’s getan?
Im Internet nach meinem Namen gesucht.
Recherche hat ergeben:
Schon gestorben, nicht mehr am Leben.
Vielleicht geirrt?
Schnell nochmal recherchiert!
Vielleicht ein Namensvetter
mein Lebensretter?
Jetzt ist er gestorben
und samt seinem Schnauzbart verbrannt worden.
Mehr gibt’s über ihn nicht zu sagen.
I.
Ein Dirigent starb beim Dirigieren.
Eine Schauspielerin starb beim Theaterspielen.
Ein Kletterer starb beim Klettern.
Ein Rennfahrer starb beim Rennfahren.
Ein Sterbender starb beim Sterben.
II.
Jäger haben einen Wolf entnommen,
der beruflich unterwegs war.
„Lieber Herr Pfarrer,
jetzt bin ich tot und was seh ich da?
Von dem, was Sie immer gepredigt haben,
ist gar nichts wahr.
Gar nichts gibt’s davon:
keinen Gott, keine Maria, kein Paradies, keine Höll,
kein Jenseits.
Was sagen Sie denn jetzt dazu, Herr Pfarrer?“
„Ich bin ganz pfaff!“
Sie ist sanft entschlafen,
aber im Jenseits nicht aufgewacht.
Er ist von uns gegangen,
aber im Jenseits nicht angekommen.
Irgendetwas stimmt da nicht!
Der Atheist:
Sterben,
tot,
auf ewig weg im Nichts,
ist nicht gerade kurz
wie ein Furz.
Der brave Christ
ist sich gewiss:
Im Diesseits vor Verdammnis beben,
im Jenseits dann auf ewig leben
und mit den Engeln „heilig – heilig“ singen
und Gottes Herrlichkeit zum Ausdruck bringen,
ohne heiser je zu werden,
ohne Stimmbänderbeschwerden
ewig so dahin.
Dem Atheisten fließt ein kalter Schauder übern Rücken
bei dem Gedanken, Gott auf ewig anzuhimmeln.
Denn wie gesagt:
Ewig ist nicht gerade kurz
wie ein Furz.