Ich selber würd es niemals wagen,
zu meinem Dichten Kunst zu sagen,
doch Nestroy Johann Nepomuk,
beseitigt meinen Zweifel, macht mir Mut,
denn was er sagt, scheint mir kein leerer Dunst:
„Kunst ist, wenn man‘s nicht kann,
denn wenn man’s kann,
ist’s keine Kunst.“
Doch Joseph Boyes, der ist konträr.
Er sagt, dass ich wie jedermann ein Künstler wär.
Nach Nestroy hieße das dann wohl,
mein Dichten wäre keine Kunst:
weil ich es kann.
Doch hab ich meine Gedichte viel zu gern,
als dass sie keine Kunstwerk wär‘n,
drum schließ ich mich dem Nestroy an:
Kunst sind sie,
weil ich nicht dichten kann.
Ich freue mich über jedes neue Gedicht,
und meine Schublade ist darauf erpicht,
das neue Meisterwerk zu verwahren,
als Schatz für die Nachwelt aufzubewahren.
Gestern habe ich die Callas die Norma singen gehört.
Da soll noch einmal einer sagen,
die Callas habe nicht singen können!
Gestern habe ich die Neunte von Beethoven gehört.
Da soll noch einmal einer sagen,
Beethoven habe nicht komponieren können!
Gestern habe ich Picassos Guernica-Bild gesehen.
Da soll noch einmal einer sagen,
Picasso habe nicht malen können!
Gestern habe ich einen Bericht über Einsteins Theorie gehört.
Da soll noch einmal einer sagen,
Einstein habe nichts von Relativität verstanden!
Gestern habe ich eines meiner Gedichte gelesen.
Da soll noch einmal einer sagen,
ich …
Wär ich nicht ein großer Dichter worden,
wer wäre ich denn dann?
Sicherlich ein Musiker wie Ludwig van
oder auch ein Maler wie Paul Klee,
ein Architekt wie Corbusier,
auch Einstein wäre meine Kragenweite.
Ganz ohne Zweifel:
Sie alle hätten einen Platz an meiner Seite,
hätte ich die Dichterei gemieden
und mich für Malerei, Musik, Architektur oder Physik entschieden.
Mich alledem zu widmen, fehlt mir bloß die Zeit,
beschränken muss ich mich bescheiden drauf allein,
ein großer Dichter nur zu sein.
I.
Meine Gedichte sind schwer zu vertonen.
Ich schreibe sie ja nicht,
um den Komponisten die Arbeit leicht zu machen.
II.
Meine Gedichte sind schwer zu vertonen.
Deshalb ist noch keines vertont worden.
Ich bin so super, dass ich es selber nicht glauben kann.
Ich bin so super, dass ich es kaum glauben kann.
Ich bin so super, dass ich es glaube.
Ich hab mich selber überzeugt von mir.
Ich bin ganz überzeugt von mir.
Ich hab mich selbst gezeugt.
Seinen Versen sieht man’s an,
dass er nicht richtig dichten kann.
Wörter werden arg verstümmelt,
an ihrer Stellung im Satz herumgefummelt.
Der Rhythmus wechselt oft abrupt,
ein Iambus wird erwartet
und entpuppt sich dann als Daktylus,
vielleicht auch Anapäst.
Man meint, auf einem Trampelpfade stolpert man dahin,
man fällt, steht auf, probiert es wieder
und fällt gleich wieder nieder.
Auf der Strecke bleibt der Sinn.
Mit einem Wort: Das Lesen eine Qual!
Krampfhaft muss der Möchtegernedichter reimen,
ein Goethe, Schiller, Heine will er sein,
doch nicht einmal mit Müh und Plag kann er die Verse leimen,
ihr Gehalt ist klein,
ihre Form ist eine Pein.
Immerhin: Gehalt und Form, sie stimmen überein.
Der Dichter aber ärgert sich und flennt,
dass kein Verlag,
was er Gedichte nennt,
verlegen mag!
Ich, der Dichtkunst Muse, die Euterpe,
die Du nicht lassen kannst zu preisen,
ich will Dir meine Gunst erweisen,
und Dich von Deinem Zwang befreien,
was Du Gedichte nennest auszuspeien.
Überwinde endlich Deine Pubertät!
Du wirst dann sehen, dass es Dir,
dem Publikum und nicht zuletzt auch mir,
viel besser geht.“